Ordentlich Wohnen: mit Kindern – und Künstlern

Anette Bley (www.anette-bley.de) ist bildende Künstlerin  in München. Wenn sie nicht gerade ausdrucksstarke Skulpturen her- und ausstellt, unterrichtet sie oder schreibt und illustriert Kinderbücher. Für diese setzt sie sich mit unterschiedlichen Themen auseinander, die sowohl für Eltern als auch für Kinder relevant sind, wie „sich Zeit füreinander nehmen“, „was bedeutet Freundschaft“, „Abschied“ oder „groß sein“. Zuletzt befasste sie sich mit unterschiedlichen Ordnungsbedürfnissen der Spezies Mensch und insbesondere der Kinder. 

Anette, wann bist Du zuerst mit dem Thema Ordnung in Berührung gekommen?

Na ja, ich denke wie jeder, als Kind, wenn es hieß „ aufräumen“ und man gar keine Lust dazu hatte. Aber bei mir war es dann tatsächlich so, dass ich im Alter von 6 oder 7 feststellte, dass es viel praktischer war, in meinem Spiele- und Malschrank Ordnung zu halten, weil ich dann die Sachen schneller finden konnte. Diese Ordnung dann allerdings aufrecht zu erhalten war die nächste Herausforderung, (lacht). Aber immerhin gab es diese erste Erkenntnis.

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Heißt das, dass es bei dir heute immer super aufgeräumt ist?

Natürlich gibt es aufgeräumte und weniger aufgeräumte Tage, aber prinzipiell tut mir eine klare Struktur im Außen gut. In den kreativen Prozessen ist es allerdings manchmal sehr hilfreich, wenn nicht sogar notwendig, dem Chaos ein bisschen Raum zu lassen. Mich inspiriert es z.B. wenn ich in meinem Aquarellkasten die Farbmischungen von letzter Woche vorfinde, aber ich kenne Kollegen, die nach jedem Bild den Kasten reinigen. Oder es kam auch schon vor, dass Papiere und Stoffe liegengeblieben waren, die ich eigentlich wegräumen wollte - und die in meine Collagen eingeflossen sind. Ohne „Unordnung“ wären diese Kreationen nicht zustande gekommen.  Und ich könnte mir vorstellen, dass Picasso ein Werk wie seinen Stier, bestehend aus einem Fahrradlenker und –sattel, eher in einem Schrotthaufen „gefunden“ hat, als in einem sauber aufgeräumten Schrank. Heute ist es Objektkunst.

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Dem Berufsstand des Künstlers wird ja oft nachgesagt, er sei unordentlich oder chaotisch. Wie erlebst du diese Anschuldigungen?

 

Ich denke, ein Außenstehender ist gar nicht imstande zu beurteilen, was in einem Atelier tatsächlich Unordnung ist. Wie schon erwähnt, geht es hier um schöpferische Prozesse, die selten gradlinig sind und oft im Austausch mit dem Umfeld stattfinden. Farben, Klänge, Utensilien, Gespräche bis in die Morgenstunden (oft als Verstoß gegen die Hausordnung kritisiert) sind diese Dinge Teil des Prozesses, Teil der Inspiration. Sie abzuschaffen oder zu unterbrechen wäre wenig zielführend, weil sich daran eventuell ein tieferes Verständnis für das aktuelle Projekt oder neue Ideen herauskristallisieren.

Ich sehe, dass Eltern oft Schwierigkeiten haben, mit dem kreativen Chaos ihrer Kinder zu leben. Würdest du Eltern empfehlen, das Chaos einfach auszuhalten, um vielleicht die Kreativität der Kinder zu fördern?

Nächste Frage bitte. Nein, Scherz beiseite. Natürlich muss man da abwägen, was für alle Familienmitglieder zumutbar ist und wo dem Chaos Einhalt zu gebieten ist. Wie gesagt, mein scheinbares Chaos beschränkt sich überwiegend auf das Arbeitszimmer. (lacht)

Ich kenne Eltern, die schwer damit zu kämpfen haben, die Ursuppe im Kinderzimmer soweit zu bändigen, dass eine Basisreinigung überhaupt möglich wird.

Eine Begebenheit möchte ich gerne dazu erwähnen, weil sie für mich sehr wichtig wurde: Die jüngste Tochter einer lieben Illustratoren-Kollegin begann im Alter von ca. 9 Jahren, ihr Zimmer mit Wollfäden einzuspinnen. Von außen betrachtet würde man sagen, das Chaos brach aus. An Putzen war natürlich nicht mehr zu denken. Die Wollfäden waren irgendwann so dicht gespannt, dass außer dem Mädchen keiner mehr zum Schreibtisch oder Bett durchkam. Ihre Mutter hat sie gewähren lassen und gewartet, was ich sehr beachtlich fand. Jeder normale Mensch hätte wahrscheinlich gedacht, hier ist jetzt ein massives Durchgreifen gefragt eine erzieherische Maßnahme einzuleiten. Aber nein. Sie erklärte mir, dass sie dieses Einspinnen irgendwie interessant fand und auch die Sorgfalt mit der dies geschah, und dass sie denke, dass ihre Tochter vielleicht so etwas wie einen Schutzraum baue, ein Kokon.
 

Das ist eine ungewöhnliche Reaktion für eine Mutter...

Was mich daran fasziniert hat ist, wie genau diese Mutter hingeschaut hat. Die Tatsache, dass sie dieses Spiel als eine wichtige Entwicklungsphase erkannte und ihm Raum gegeben hat, finde ich bewundernswert. Schließlich hätte man es auch als Provokation oder zumindest als „Ordnungswidrigkeit“ verstehen  und unterbinden können.
Dass Kinder u.U. eine ganz  andere Vorstellung von Ordnung haben, hat mich eine Zeit lang sehr beschäftigt. Für dieses Mädchen war offensichtlich eine Existenz im Kokon kurzzeitig eher „in Ordnung“ als in einem frei zugänglichen Zimmer zu sein. Übrigens hat sich die Phase dann schnell gelegt und aus dem Mädchen ist eine durchaus „normale“ Frau und Mutter geworden. 

Das bedeutet folglich, dass wir genau hinsehen müssen, wenn wir etwas als Chaos wahrnehmen, weil es das nicht zwangsläufig sein muss?

Genau. Wenn wir ein Kind z.B. auffordern die Kuscheltiere am Abend in eine Kiste zu packen und es sich weigert, könnte es z.B. damit zusammenhängen, dass es die Gans vor dem Fuchs schützen möchte und damit der natürlichen Ordnung der Dinge gerecht werden möchte. Es baut hier gerade eine geistige Ordnung auf. Wie schön! Hier könnte das Angebot zweier Kisten helfen eine für die Beutetiere und die andere für die Raubtiere.

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Damit sind wir wieder beim Aufräumen. Du wolltest uns dazu noch ein paar Worte sagen:

 

Bei aller Liebe für die einzelnen Phasen, die ein Kind durchläuft, denke ich natürlich auch, dass Ordnung etwas sehr Wichtiges ist für jedes Kind. Zum Einen, weil auch Eltern Bedürfnisse haben und äußern dürfen, z.B. das nach Hygiene oder Übersichtlichkeit zum Anderen aber auch weil es in einem Kinderzimmer, in dem die Unordnung überhandnimmt, irgendwann keinen Spielraum mehr gibt. Ich beobachte, dass die Kinder damit auch nicht glücklich sind, vielleicht gerade aufgrund der Überfülle.


Verstehe ich das richtig? Wenn es also den Eltern gelingt, für sich selbst Ordnung zu schaffen, klare Strukturen in der Wohnung oder im Tagesablauf herzustellen, dann sind dies auch für die Kinder sehr gute Voraussetzungen, um klare Gedanken zu fassen und Schwerpunkte im Leben  setzen zu lernen.

Ja, dass die Vorbildfunktion auf lange Sicht ihre Wirkung zeigt, darauf kann man nur hoffen. Aber Kinder haben auch eine natürliche Tendenz, sich im Spiel zu verlieren, was dann ein Chaos auslöst. Gibt es da einen Ausweg? Für mich ist gerade das Spiel ein Ausweg aus dem Chaos. Das klingt jetzt etwas philosophisch, ist es aber nicht. Ich sehe das Spielen als die Arbeit des Kindes an. Spielend begreift es Zusammenhänge. Es ist ein Such- oder Verarbeitungsprozess, um die Welt und ihre Ordnungen zu verstehen. Das Spiel ist das Medium, mit dem das Kind Ordnung schafft. Wir Erwachsenen können ihnen im glücklichsten Fall etwas dabei helfen, die innere Ordnung der Dinge zu sehen, vor allem, wenn wir selbst genau hinsehen. 

Wie findet man jedoch bei Kindern die Grenze zum Überbordenden? Nicht alle Eltern möchten gefühlt in einem riesigen Puppenhaus wohnen.

Dazu kann ich keine allgemeine Antwort geben. Die Grenzen des Zumutbaren sind bei jedem anders. Sicher ist es hilfreich, wenn Eltern ihre persönlichen Grenzen zuallererst für sich selbst definieren, um dann mit den Kindern nach Lösungen für ein harmonisches Zusammenleben zu suchen, eine konsequente Haltung zur eigenen Grenze wäre natürlich wünschenswert. Aber ich bin kein Erziehungsratgeber und es gibt immer Situationen, in denen keine Theorie  mehr greift. Zusammenzuleben ist eine komplexe Angelegenheit. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir in vielen Situationen weit weniger Grabenkämpfe auszufechten hätten, wenn wir das Spiel unserer Kinder als eine Suche nach Sinnzusammenhängen deuten würden. Und das steht meines Erachtens nicht im Widerspruch zu einer Erziehung zur Ordnung. Ganz im Gegenteil.
„Laisser faire“ hilft dem Kind kein bisschen bei der Ausbildung einer Struktur, einer inneren Ordnung oder Orientierung. Ordnung zu halten hat auch etwas mit Wertvorstellungen zu tun. Den wertvollen Dingen gebe ich einen Platz. Ausmisten bedeutet Entscheidungen für das Eine und gegen etwas Anderes zu treffen. Es bedeutet, mich zu definieren.  Dazu braucht es Achtsamkeit. Durch den achtsamen Umgang mit Spielsachen verleihen Kinder den Dingen erst eine Bedeutung. Durch den achtsamen Umgang miteinander werden Beziehungen bedeutsam. So gesehen ist der Versuch, gemeinsam Ordnung zu schaffen, eine der wirksamsten Grundlagen für ein glückliches, sinnerfülltes Leben.

Ordnung zu schaffen bedeutet demnach Wertvorstellungen zu kreieren. In unserer Welt, in der alles und jederzeit  zu haben ist, keine leichte Aufgabe.

Ja, das ist eine echte Herausforderung. In dieser Überfülle ist es enorm schwer, etwas herauszugreifen, ihm einen Wert beizumessen, festzustellen, was überhaupt eine Bedeutung für uns hat. Und genau deswegen sind Ordnungsstrukturen und  Achtsamkeit heute besonders wichtig. Aufgrund der Überfülle an Sinnesreizen, die wir alle gar nicht verarbeiten können, laufen wir Gefahr, dass uns irgendwann alles egal ist. Eine „Alles-Egal-Haltung“ ist allerdings das Gegenteil von Achtsamkeit – und übrigens auch das Gegenteil von Verantwortung. Kaum zu glauben, dass so hehre Begriffe etwas mit einer simplen Spielzeugkiste zu tun haben sollen.

Liebe Anette, vielen Dank für diese bereichernden Einsichten und das Gespräch!!