Hochsensitiv wohnen: Bei Christina und Béla

Als hochsensibler Mensch steht man vor besonderen Herausforderungen, wenn man eine neue Wohnung bezieht und einrichtet. Hier verfolgen wir einen gelungenen Weg und erleben die nötigen Überlegungen hautnah mit: 

Christinas Stil mochte ich schon immer – in jeglicher Hinsicht. Sie ist Alexander-Lehrerin, Tänzerin und bildende Künstlerin. Sie lebt zusammen mit Béla, ihrem Lebensgefährten, der Schauspieler ist. An einem lauen Frühlingswochenende ließ sie mich einen tiefen Einblick in ihre Wohnung und ihre Persönlichkeit werfen.

Viele Jahre lebte das Paar mitten in Wien, umgeben von Beton und Lärm. Ihre Wohnung in der Künstlergasse lag zwar in einer geräumigen Altbau-Villa, doch sie hatten keinen Ausblick ins Grüne, und die Nachbarwohnungen sowie die Straße waren sehr deutlich hörbar. Das waren zu viele Reize für die hochsensitive Christina, und sie entwickelte eine ausgewachsene Schlafstörung, die zu gesundheitlichen Problemen führte. Also entschlossen sich die beiden, der Großstadt den Rücken zu kehren. Nach längerer Suche fanden sie im Wiener Wald die passende Wohnung in einem renovierungsbedürftigen Haus mit Garten aus den 60er Jahren. Sie bezogen den ersten Stock ... und machten sich erst einmal an die Arbeit.

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Christina, wie seid ihr an die Planung dieser wunderschönen Wohnung heran gegangen?

 

Christina: Die ersten Überlegungen fanden schon statt, lange bevor die konkrete Suche nach dem neuen Ort begann. Ich habe damals angefangen in ein Heft zu schreiben, welche Qualitäten ich mir von einer neuen Wohnung wünsche, wie: es soll eine Oase bzw. Rückzugsort sein, und man soll die Elemente der Natur hautnah miterleben können. Ich hatte auch gleich die Vision von viel Weiß, großen Fenstern und von grellen Farbkleksen. 

Und dann kam die Besichtigung dieser ziemlich baufälligen Wohnung. War es Liebe auf den ersten Blick?

 

Ich habe erst einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen angesichts des Zustandes der Wohnung. Aber ich habe auch das Potential gesehen: die helle Küche, die ausladende Terrasse in den Baumkronen, das etwas tiefer liegende Wohnzimmer mit dem besonderen Parkettboden und vor allem das Gefühl der Ruhe und Weite in jedem Raum.

 

Wie seid ihr dann vorgegangen? Ihr hattet ja auch nicht so viel Budget zur Verfügung. 

 

Wir sind einfach umgezogen, haben erst einmal auf der Baustelle gelebt und Stück für Stück selbst renoviert. Aber es war befriedigend anzupacken, viel Zeit draußen zu verbringen und körperlich zu arbeiten. Das war und ist so ein heilsamer Kontrast zum Stadtleben, gerade für mich! Glücklicherweise hatten wir unseren Nachbarn und seine Werkstatt im Haus, die wir freundlicherweise benutzen durften. Er stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Wir beide gingen sozusagen in die Handwerkslehre bei ihm.

Wie hast Du dann genau die richtige Einrichtung für euch gefunden? Du warst ja hauptsächlich für die Ideen verantwortlich. 

 

Anfangs habe ich viel Zeit damit verbracht, die Räume auf mich wirken zu lassen. Meist hat sich eine Vision dazu entwickelt. Im Wohnzimmer fühlte ich eine Höhlen-Atmosphäre durch die herabgesetzte Ebene, den schwarzen Ofen, das dunkle Parkett und das dazu passende Wandregal. Béla und ich haben dann Qualitäten aufgeschrieben, die wir hier verkörpert haben wollten, wie wohlig, kuschelig, aber gleichzeitig verspielt und mobil. 

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Daraus habe ich ein Konzept entwickelt, um diese Qualitäten umzusetzen: die braunen, weichen Sofas, der dunkle Teppich, der viel Platz für Spielen und Liegen zulässt und punktuelle Lichtquellen. Im Kontrast dazu steht die direkt anschließende weiße lichtdurchflutete Küche mit dem Hellen und Transzendenten – wie bestellt aus meiner Vision lange vor dem Umzug. Erst als alles fertig war, habe ich gesehen, dass sich etwas Wunderschönes ergeben hat. Denn in meinen inneren Prozessen der letzten Jahre habe ich mehr und mehr erfahren dürfen, dass unsere dunklen Anteile genauso wichtig sind wie die hellen Anteile, beide bedingen einander und brauchen sich, und das spiegeln mir Wohnzimmer und Küche hier auf eindrucksvolle Weise. 

Das hört sich an, als war die Gestaltung dieser Wohnung auch eine Art Persönlichkeitsentwicklung für Dich? 

 

Ja, total. Ich kann gar nicht anders, als meine vielen unterschiedlichen Persönlichkeitsaspekte in den Räumen zu verwirklichen: schönheitsliebend, minimalistisch, aufgeräumt, ruhig, zurückgezogen, und genauso überbordende Fülle, Sinnlichkeit, Lebendigkeit, Feuer, Lebensfreude. Ich habe in meiner Innenschau gelernt, dass wir immer vieles sind, und Diversität in allem Natürlichen und Menschlichen zuhause ist. Aber um deine Frage zu beantworten: einerseits ging der Gestaltungsprozess der Wohnung natürlich auch mit einer persönlichen Weiterentwicklung einher, und andererseits ist der Wohnraum nur ein Ausdruck meines inneren Raums. Das ist für mich das wirklich Spannende. Cleane Designerwohnung oder üppiges Landhaus? Ich bin jedenfalls mehr als nur eines von beiden.

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Sehr auffällig ist die Küche. Was habt ihr hier alles verändert?

 

Die Küche musste komplett neu erdacht werden, sie war ganz früher ein Wintergarten und hatte somit keine Heizung, aufgerissene Wände, einen unfertigen Bodenbelag, aber dafür die große Glasfront mit dem Blick in die Bäume. Hier haben wir die meiste Arbeit hinein gesteckt, haben mit viel Mühe die Arbeitsplatten selbst betoniert und die Küchenfronten aus hundert Jahre altem Holz selbst gefertigt. Es war alles so ein großes Experiment und es ist aufgegangen. Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich die Küche benutze. 

Die Küche ist nun das Herzstück der Wohnung. Hier fühle ich mich wie in einem Baumhaus und absolut verbunden mit der Natur und der Welt. Ich bringe deswegen sogar oft meinen Computer zum Arbeiten her.

Du bist ein hochsensitiver Mensch. Wie erlebst Du das und wie unterstützt Dich diese Wohnung?

 

Inzwischen habe ich gelernt, das erhöht Sensitive in mir als außerordentliche Fähigkeit schätzen zu lernen. Es ist schön und anstrengend gleichzeitig. Ich achte darauf, welchen Reizen ich mich aussetze, und brauche viel Zeit für Regeneration und Verarbeitung.

Sonst meldet sich mein Körper mit Schmerzsymptomen. Hierher zu ziehen war jedenfalls ein echter Segen für mein Nervensystem. Die Ruhe, die Natur, der große Lebensraum, das alles ist Balsam für meine Seele. Das viele Arbeiten mit den Händen, das Schaffen von ganz materiellen Werten, wie eine selbstgebaute Küche und selbst angelegte Gemüsebeete, hat mich sehr geerdet. Das alles hilft sehr, Boden unter den Füßen wachsen zu lassen, das hat mir immer gefehlt. Und obwohl ich mir als Wohnzimmer keine dunkle Höhle erträumt hatte, empfinde ich sie jetzt als großes Geschenk.

Welche Idee steckt hinter den raumhohen doppelten Vorhängen, die häufiger vorkommen? Zum Beispiel zwischen Wohnzimmer und Flur und zwischen Wohnzimmer und Küche.

 

Sie waren nötig als Begrenzung, da die Räume sehr hoch, groß und offen sind. Da fehlte mir das Gefühl von Geborgenheit. Optisch wünschte ich mir eine Art sanften Übergang zwischen den nackten Wänden und der Luft. Idealerweise sollten sich die Vorhänge an den Raum anschmiegen und vom Material war mir etwas Schalldämmendes wichtig. Bei der Recherche fand ich heraus, dass zwei Vorhänge – einer aus Wolle und der andere aus Baumwolle – am besten dämmen. Eine Freundin riet mir zu dem sanften Braunton. Alleine hätte ich mich das nicht getraut und hätte eher ein Weiß oder höchstens Beige gewählt. Ich nähte sie selbst und als die Vorhänge hingen, bemerkte ich erst wie schön sie weichzeichnen und dem Raum Lebendigkeit verleihen. Jetzt spüre ich immer wieder Glücksgefühle wenn ich sie sehe und sitze manchmal nur mit meiner Kaffeetasse da und betrachte sie. (lacht) Eigentlich kann ich das niemandem erzählen. 

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Aaah, diese Lust an den Vorhängen, kenne ich gut. Da diese Vorhänge sich in der Wohnung so oft wiederholen, haben sie offenbar eine besondere, tiefere Bedeutung oder Symbolik.

 

Ja, wenn ich über das Weiche, Fließende nachdenke, dann lande ich ganz schnell in meiner Kindheit. Ich komme von einem großen Bauernhof, auf dem die Arbeit am meisten zählte. Da gab es keinen Raum für Zärtlichkeit. Es ist bis heute eine sehr starke Mission für mich, die fehlenden Qualitäten von damals in mein Leben zu integrieren. Daher brauche ich im Wohnraum Geborgenheit durch weiche Materialien und fließende Übergänge. Außerdem sind die fließenden Übergänge auch noch für mein ausgeprägtes visuelles Empfinden wichtig - mir tut das richtig körperlich weh, wenn Farben und Formen nicht ineinander überfließen und ein gewisses harmonisches Schema darstellen.

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Man sagt ja, Hochsensitive brauchen viel Ordnung. Wie stehst Du zu diesem Thema?

 

Ich liebe allein schon das Wort. Gleichzeitig öffnet es Erinnerungen zum großen, alten Bauernhof meiner Kindheit. Dort waren alle Räume, die von Besuchern betreten wurden, sehr ordentlich - aber die vielen Ecken, die nicht gesehen wurden, wie Dachboden, Keller, Arbeitsräume, sahen ganz anders aus.

Zum Beispiel gab es für acht Personen nur ein winziges Bad, in dem eine Waschmaschine stand... und ein riesiger Schmutzwäsche-berg. Oder wenn in der Küche ein Mal pro Woche Butter gerührt wurde, dann schwamm der Boden in Butterlake. Da mussten mich die Eltern dann drüber heben, wenn ich zur Schule wollte. Mein Bedürfnis nach Ordnung hat sicher seinen Ursprung im Zuhause meiner Kindheit.

Und wie lebst Du Ordnung heute?

Für mich bedeutet Ordnung, wenn alle Dinge ein Zuhause haben. Das ist mehr als nur aufgeräumt, das ist Wertschätzung. Ich gehe damit mit den Dingen in Beziehung. In meiner Kindheit ging es nicht darum, dass wir uns mit der Ordnung wohl fühlten, sondern dass diese von Besuchern als gut bewertet wurde. Heute bedeutet Ordnung für mich, dass sich um alles gut gekümmert wird. Das gibt mir Geborgenheit. 

Ein wichtiges Interesse in Deinem Leben gilt der bildenden Kunst, der Du viel Zeit widmest - und Du achtest sehr darauf, nicht zu vielen Reizen ausgesetzt zu sein. Ist deswegen Kunst für Dich nur erträglich ist, wenn sie minimalistisch ist? 

 

In der eigenen Wohnung schon. Ich kann Kunst nicht vom Raum rundherum trennen. Deswegen mag ich z.B. die Künstlerin Yvonne Roberts sehr, die sehr abstrakt und reduziert arbeitet. Wenn ich ein solches Bild aufhängen wollte, dann bräuchte ich dafür einen großen, relativ leeren Raum, damit das Bild sprechen kann und damit ich den Ausdruck des Bildes verarbeiten kann. Der Bezug des Bildes zum Raum muss stimmen, sodass sich alles harmonisch ineinander fügen kann. Wenn Kunst im Wohnraum hängt oder steht, dann muss der Effekt für mich beruhigend sein. Sonst ist der Reiz für mich Arbeit. Auch wenn ich zu viele schöne Dinge um mich habe, muss ich die Menge zuerst prozessieren. Es ist dann leider kein Genuss mehr für mich.

 

Was wäre für Dich die Idealvorstellung von Kunst im Wohnraum?

Ich sehne mich nach einer großen weißen Wand mit einem großen weißen Regalbrett, auf dem nur zwei Sachen liegen. Eine davon sollte ein Stein sein. Mich nur darauf konzentrieren zu dürfen, wäre ein absoluter Traum für mich. Da fallen Kunst und Ordnung für mich zusammen.

 

Liebe Christina, ich danke Dir sehr für das aufschlussreiche und offene Gespräch!!